Die Jägerinnen: Tina Lutz und Susann Beucke (49er FX)

 „Man kommt von diesem Boot immer mit einem Grinsen zurück an Land, egal, wie der Tag gelaufen ist“ - Susann Beucke über den 49er FX. Fotos: DSV/Wecamz
„Man kommt von diesem Boot immer mit einem Grinsen zurück an Land, egal, wie der Tag gelaufen ist“ – Susann Beucke über den 49er FX. Fotos: DSV/Wecamz

Sie sind unter Segeln blitzschnell unterwegs, leidenschaftliche Skiff-Seglerinnen und jagen ihren olympischen Traum im dritten Anlauf: Tina Lutz und Susann Beucke kämpfen im 49er FX um ihre Olympia-Teilnahme in Tokio 2020.

Seit 2007 sitzen die ganz unterschiedlichen, sich dadurch aber ideal ergänzenden Seglerinnen in einem Boot. „Als Team ist unsere größte Stärke unsere Diversität. Tina ist gut in den Dingen, die mir schwerfallen. Und umgekehrt“, sagt Susann Beucke. Kaum eine andere deutsche Crew im olympischen Segelsport kann auf eine so lange Partnerschaft zurückblicken.

Der Stern von Tina Lutz ging 2005 auf, als der talentierte Teenager vom Chiemsee Yacht-Club die Optimisten-Weltmeisterschaft mit 240 Konkurrenten aus 51 Nationen in der Einzel- und in der Mannschaftswertung gewann. Zwei Jahre später formierte die von ihrem Heimatclub und den Eltern intensiv unterstützte Steuerfrau mit Susann Beucke (Hannoverscher Yacht-Club) ein bayerisch-norddeutsches Duo. Auf Anhieb gewannen sie die Junioren-Europameisterschaft im 420er. Lutz wurde dafür mit dem Bayerischen Sportpreis in der Kategorie „Herausragender Nachwuchssportler“ ausgezeichnet.

Im 470er segelten Lutz/Beucke 2012 nach intensivem Duell mit Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher schmerzlich knapp an der Olympia-Qualifikation vorbei, stiegen anschließend in die neue olympische Disziplin 49er FX um und verliebten sich auf Anhieb in den rasanten Gleiter. Susann „Sanni“ Beucke erklärt, warum der 49er FX für ihr Team die ultimative Herausforderung darstellt: „Es sind Gefühl und Kommunikation beziehungsweise Synchronisation mit dem Steuermann gefragt: Der Vorschoter hält mit der Großschot den Motor in der Hand, der Steuermann muss aber das Gleiche auf dem Ruder fühlen. Außerdem ist doppelter Mut gefordert: Zum einen, weil es manchmal Überwindung kostet, bei Starkwind rauszugehen. Auf der anderen Seite, weil die Boote so schnell sind, dass man sich taktisch häufig für eine Seite entscheiden und die auch durchziehen muss.“

Obwohl Tina Lutz und Susann Beucke beständig zu den Besten ihrer Zunft zählten, mussten sie sich in ihrer zweiten Olympia-Ausscheidung auf Kurs Rio de Janeiro 2016 Vicky Jurczok und Anika Lorenz geschlagen geben. Doch sie blieben dran. Und sie blieben stark. Nur ein Jahr später rasten sie im Heimatrevier vor Kiel in stürmischen Winden zum hart erfochtenen und umjubelten EM-Titel. Sie waren wieder da und ließen keinen Zweifel an ihren Ambitionen: Das neue Ziel heißt Olympia 2020. Mit ihren Teamkameradinnen und Bald-wieder-Rivalinnen Jurczok/Lorenz ringen Tina Lutz und Susann Beucke nun erneut um nur einen Olympia-Startplatz. In ihren dritten Anlauf werfen beide alle Erfahrung in die Waagschale. Beucke sagt zur Zielsetzung: „Ich würde Tina gerne am Ende der Olympischen Spiele mit dem Wissen umarmen, dass wir alles getan haben, was wir uns vorgenommen haben.“

Teamgeist, Trimm, Strategie und Taktik

"Wind, Welle und sauberes Wasser" – Tina Lutz und Susann Beucke schätzen das Olympiarevier vor Enoshima. Foto: DSV/Lars Wehrmann
“Wind, Welle und sauberes Wasser” – Tina Lutz und Susann Beucke schätzen das Olympiarevier vor Enoshima. Foto: DSV/Lars Wehrmann

Gefordert sind zur Beherrschung des 49erFX, „den ich liebe“ (Lutz), herausragende Eigenschaften in „Teamgeist, Trimm, Strategie und Taktik“. Das Olympia-Revier haben die Frauen bereits kennengelernt. „Es ist super warm dort, weshalb man buchstäblich einen kühlen Kopf bewahren muss“, weiß Susann Beucke. Es sei von großer Bedeutung, perfekt vorbereitet zu sein, weil es „viel Energie kosten wird, Probleme vor Ort zu regeln“. Auf der anderen Seite steht eine glückliche Erkenntnis der Vorschoterin: „Das Olympiarevier ist in diesem Jahr zu meinem Lieblingsrevier geworden: Wind, Welle und sauberes Wasser – mehr Worte muss ich nicht verlieren.“

Anders als ihre Steuerfrau hat Beucke den Segelsport als Kleinkind an Bord der Familienyacht auf regemäßigen Wochenend-Törns nach Dänemark kennen- und lieben gelernt. Die Pinne nahm sie erstmals in der Zwei-Personen-Jolle Teeny selbst in die Hand. Im Alter von neun Jahren bestritt sie ihre erste Regatta. Beucke nennt auch Tina Lutz` Opti-Trainer Zizi Staniul als einflussreichen Menschen in der gemeinsamen Karriere, „weil wir mit ihm eine Menge lustiger Momente und auch sehr intensive Trainingseinheiten verbinden“. Die Faszination des Skiffsegelns erklärt die in Strande gegenüber vom Olympiazentrum wohnende Seglerin so: „Man kommt von diesem Boot immer mit einem Grinsen zurück an Land, egal, wie der Tag gelaufen ist.“

„Ich will Seglerin werden“

Inspiration ziehen beide Leistungssportlerinnen aus Segelsport-Klassikern: Lutz beeindruckt Frank Bethwaites „High Performance Sailing“, weil es „geballtes Wissen in einem riesigen Buch“ bietet. Beucke hat im Alter von zwölf Jahren die erste Biografie von Englands Segelikone Ellen MacArthur verschlungen und wusste: „Ich will Seglerin werden.“ Inzwischen will die Top-Athletin vom Hannoverschen Yacht-Club noch mehr, hat eine Anschluss-Kampagne in der neuen Olympia-Disziplin Mixed-Offshore im Visier und möchte „probieren, vom Segeln zu leben“. Sie weiß, dass der Weg für eine deutsche Seglerin kein leichter sein wird: „Das wird eine Riesenherausforderung, da der Profi- und der olympische Segelsport nur wenige Schnittstellen haben. Aber das zu schaffen, ist mein größter Wunsch.“

Tina Lutz tippt für die Olympischen Spiele 2020 auf eine Medaille für das German Sailing Team, Optimistin Sanni Beucke wünscht sich in jeder Disziplin eine. Die eigene idealerweise eingerechnet.

„Liebe, was Du tust“ ist Beuckes Lebensmotto. Das verbindet die beiden Skiff-Akrobatinnen, die ihre Sportkarriere im Sommer 2020 nur zu gerne mit dem Olympia-Einsatz ihres Lebens krönen würden.

Steckbrief Tina Lutz

Position: Steuerfrau

Bootsklasse: 49erFX

Geboren: 25. Oktober 1990

Geburtsort: München

Wohnort: Innsbruck und Chiemsee

Verein: Chiemsee Yacht-Club

Trainer: Dave Evans

Als Crew in einem Boot seit: 2007

Größe: 1,70 Meter

Gewicht: 58 Kilogramm

Beruf: Studentin Wirtschaftspsychologie (Master)

Sponsoren und Partner: D.Velop, Vermop, Paedi Protect

Steckbrief Susann „Sanni“ Beucke

Position: Vorschoterin

Bootsklasse: 49erFX

Geboren: 11. Juni 1991

Geburtsort: Kiel

Wohnort: Strande

Verein: Hannoverscher Yacht-Club

Trainer: Dave Evans

Als Crew in einem Boot seit: 2007

Größe: 1,75 Meter

Gewicht: 75 Kilogramm

Beruf: Sportsoldatin, absolviertes Bachelor-Studium Int. Management (IB)

Sponsoren und Partner: Unsere Vereine, Vermop, D.Velop, Paedi Protect, Bollé, Musto, Liros