Aufbruch auf Kurs Enoshima

Das German Sailing Team ist 2017 erfolgreich in eine neue Olympiade gestartet. Der Saisonrückblick zeigt: Die Weichen für Tokio 2020 sind gestellt. Plus: Finale Weltrangliste 2017

Tina Lutz und Susann Beucke schnappten sich mit zwei sensationellen Medal Races die EM-Goldmedaille im 49er FX. Foto: Pedro Martinez/Sailing Energy

Titelfreude, EM-Medaillen und starke Resultate der Leistungsträger: Das German Sailing Team hat in der nacholympischen Saison seine Ansprüche an die Zugehörigkeit zur Weltspitze untermauert. Allen voran die deutschen Skiff-Akteure und Laser-Ass Philipp Buhl, der die Weltrangliste mit konstant herausragenden Leistungen das ganze Jahr über als Spitzenreiter anführte und aktuell auf Platz 3 liegt. Auch der genaue Blick auf jede der acht von zehn olympischen Segeldisziplinen, in denen Mitglieder des German Sailing Teams sich intensiv auf die olympische Segelregatta 2020 in Enoshima vorbereiten, zeigt den Aufwärtstrend. Beflügelt wird der Aufbruchsgeist von deutlich erhöhten zusätzlichen Mitteln des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und vom Bundesministerium des Innern (BMI) für den olympischen Segelsport.

Erreicht haben die erhöhte Förderung DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner und Leistungssport-Vizepräsident Torsten Haverland mit ihren Teams. „Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Institutionen, das langjährige Vertrauen in unsere Arbeit sowie die sportlichen Erfolge unserer Aktiven und ihrer Trainer haben dazu geführt, dass DOSB, BMI und weitere Förderer die Leistungen des German Sailing Teams mit zusätzlichen Mitteln honorieren“, sagt Nadine Stegenwalner. „Wir sind dafür sehr dankbar. Zum einen, weil wir sehen, dass unsere Konzeption und unsere konsequente Arbeit Früchte tragen. Zum anderen, weil wir die Mittel als Wertschätzung der Ergebnisse unserer Aktiven sehen. Wir gelten bei DOSB und BMI als verlässlicher Partner und können nun auf guter Basis anpacken, was wir uns für die kommenden Jahre vorgenommen haben.“

Zur neuen Dynamik und den verbesserten Trainingsbedingungen tragen auch Bund, Länder und die Stadt Kiel als überzeugte Förderer bei. So wird im kommenden Jahr die Bootshalle am Bundesstützpunkt Kiel in zwei Schritten renoviert. Den gemeinsamen Anstrengungen ist es zu verdanken, dass zweckgebundene Mittel in Höhe von insgesamt über eine Million Euro in die Bundesstützpunkt-Modernisierung und dessen konsequentem Ausbau zum Hochleistungszentrum fließen.

Über allem steht das Leistungsprinzip: Zwei Medaillen sind die offizielle Zielsetzung des German Sailing Teams für die in drei Jahren stattfindende Olympia-Regatta im japanischen Revier von Enoshima. Es sind schillernde Gewässer, denn dort gewann vor 53 Jahren Willy Kuhweide im Finn Dinghi „Darling“ seine legendäre Goldmedaille. Kuhweides historische Leistung spornt die deutsche Nationalmannschaft zusätzlich an. „Wir haben ein starkes Team und wollen Medaillen gewinnen“, stellt Stegenwalner klar; „mit Blick auf unser aktuelles Intensiv-Engagement in acht von zehn olympischen Disziplinen bedeutet das eine angestrebte Medaillen-Ausbeute von 25 Prozent. Das ist ein hoher Anspruch. Aber den haben wir alle gemeinsam!“

Top-Leistungen in Skiff und Einhandjolle

Victoria Jurczok und Anika Lorenz sind mit einer sensationellen Saison in ihre zweite Olympiakampagne gestartet
Victoria Jurczok und Anika Lorenz sind mit einer sensationellen Saison in ihre zweite Olympiakampagne gestartet. Bild: Lars Wehrmann

Worauf sich der Anspruch gründet, zeigt der detaillierte Blick in die einzelnen Disziplinen. Zu den Höhepunkten aus deutscher Sicht zählte in dieser Saison die Europameisterschaft der Skiffklassen und der Nacra17 vor Kiel. Mit zwei Teams auf dem Podium – EM-Gold für Tina Lutz (Chiemsee Yacht-Club) und Susann Beucke (Hannoverscher Yacht-Club) sowie Bronze für Victoria Jurczok und Anika Lorenz vom Verein Seglerhaus am Wannsee – sorgten die 49erFX-Seglerinnen des German Sailing Teams für den größten Erfolg. Mit dem fünften Platz bei der Weltmeisterschaft, Gold beim Mallorca-Klassiker Trofeo Princesa Sofía und Weltcup-Silber vor Hyères unterstrichen die Olympia-Neunten Jurczok/Lorenz ihre Stärke. In der Trainingsgruppe mit Lutz/Beucke fühlen sich die deutschen FX-Crews ideal aufgehoben. Susann Beucke sagt: „Die Stimmung im Team ist super, was auch unserem neuen Trainer Dave Evans zu verdanken ist. Der Arbeitsprozess mit ihm macht viel Spaß.“

Fast genauso überzeugend verlief die Saison-Bilanz der deutschen 49er-Segler, die bei der EM vor Kiel mit fünf Teams in die Top 25 segelten und damit in der rasanten, attraktiven Gleitjolle erneut zu den erfolgreichsten Nationen zählten. „Unsere Skiff-Akteure sind nicht nur in der Spitze, sondern auch in der erweiterten Weltklasse und im Nachwuchsbereich hervorragend aufgestellt“, sagt Stegenwalner.

Die beiden 49er-Top-Teams Erik Heil/Thomas Plößel (Norddeutscher Regatta Verein) und Justus Schmidt/Max Boehme (Kieler Yacht-Club) waren in die gerade abgeschlossene Saison spät eingestiegen: Ihr Schwerpunkt lag noch auf dem Vorantreiben der Studiengänge, bevor sie sich auf Kurs Enoshima nun wieder Jahr für Jahr zunehmend auf den Leistungssport fokussieren. Dass auf dieser Basis schon jetzt eine Reihe herausragender Ergebnisse ersegelt wurden, spricht für die Güte der Segler und ihrer Betreuer wie Lennart Briesenick-Pudenz sowie Max Groy im Übergangsbereich von Junioren zu Senioren.

Nach den WM-Plätzen 5 und 6 für Schmidt/Boehme und Heil/Plößel sagte der Kieler Steuermann Justus Schmidt: „Was für ein schönes Statement: Beide deutschen Crews punktgleich so weit vorn. Eine coole Teamleistung!“ Und die wurde von sehenswerten Einzelleistungen der Nachwuchsteams Nils Carstensen/Jan Frigge (WM-17.), Jakob Meggendorfer/Andreas Spranger (WM-19.) und Tim Fischer/Fabian Graf (WM-21.) noch untermauert.

Ein erfolgreiches Team: Philipp Buhl und Laser-Bundestrainer Alexander Schlonski. Bild: Lars Wehrmann
Ein erfolgreiches Team: Philipp Buhl und Laser-Bundestrainer Alexander Schlonski. Bild: Lars Wehrmann

 

Eine Klasse für sich war auch 2017 Laser-Steuermann Philipp Buhl. Der Weltranglisten-Erste vom Segelclub Alpsee-Immenstadt hat bei allen Großereignissen der Saison die Medaillen-Finals erreicht und beim Weltcup-Finale in Santander die Silbermedaille gewonnen. Der Vize-Weltmeister von 2015 und Aktivensprecher des German Sailing Teams arbeitet erfolgreich mit seinem neuen Coach Alex Schlonski und auch den nachrückenden Teamkameraden Theo Bauer und Nik Aaron Willim. Im kommenden Jahr peilt er weitere EM- und WM-Medaillen an. „Für Philipp war es in der gezeigten Konstanz und Konsequenz ein mächtiges Jahr“, sagt Stegenwalner; „die nächste große Medaille wird er sich 2018 holen, da sind wir sicher.“

Mit 14 intensiv eingebundenen und zusätzlichen Honorartrainern segelt das German Sailing Team gut aufgestellt ins nächste Jahr. Athletiktrainer Hanspeter Lange arbeitet mit den Aktiven am Bundesstützpunkt Kiel. „Das tut dem Team gut, verhilft zu einem noch besseren physischen Niveau“, sagt Stegenwalner. Für Aufwind im olympischen Perspektiv- und Juniorenbereich sorgen Franziska Goltz (Laser Radial), Oliver Freiheit (Laser Standard, Technologie-Projekte), Patrick Böhmer und Till-Jonas Gerngroß (beide 49erFX), Hendrik Ismar (470er) sowie Achim Hantke als verantwortlicher Bundesnachwuchstrainer in Kiel. Marcus Lynch betreut die Mixed-Katamaran-Klasse Nacra17, in der sich mit den WM-Fünften Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club) und Comeback-Steuermann Johannes Polgar mit Carolina Werner (Norddeutscher Regatta Verein/Kieler Yacht-Club) zwei interessante Crews mit viel Potenzial formiert haben. Im Laser Radial kann Trainer Per Baagøe beobachten, wie seine zu Beginn der Saison teilweise verletzten Schützlinge immer besser in Fahrt kommen: Bei der WM segelte Pauline Liebig als Neunte in die Top Ten, Svenja Weger auf Platz elf. „Das waren starke Leistungen“, sagt Nadine Stegenwalner.

Nachwuchs im Aufwind

Die 470er-Teams um Trainer Marek Chocian können zufrieden auf die Saison zurückblicken . Bild: Lars Wehrmann
Die 470er-Teams um Trainer Marek Chocian können zufrieden auf die Saison zurückblicken . Bild: Lars Wehrmann

Durch den Junioren-WM-Titel von Hannah Anderssohn sowie die guten Leistungen von Julia Büsselberg und Laura Schewe befinden sich die Laser Radial-Nachwuchstalente der Jugend-Nationalmannschaft im Aufwind. Auch über die Leistung der teilweise noch jungen 470er-Crews zeigt sich die Sportdirektorin zufrieden: „Da sehe ich im Spitzenbereich eine gute Entwicklung und bin zuversichtlich, dass wir im Team um Trainer Marek Chocian in drei Jahren gute Olympia-Starter haben werden.“

Ähnliches gilt für die Einhand-Disziplin Finn Dinghi. Hier konnte sich Max Kohlhoff als WM-Vierzehnter gut in Szene setzen. Neben Phillip Kasüske hatte sich auch Kohlhoff im deutschen Youth-America’s-Cup-Team vor Bermuda engagiert. Stegenwalner ist sicher: „Das hat beiden in der persönlichen und sportlichen Entwicklung ebenso gut getan wie die aktuelle Arbeit mit Coach Mark Bulkeley. Mit ihnen wie mit dem gesamten German Sailing Team ist in den kommenden Jahren international zu rechnen. Diese Aufbruchssaison hat uns in allen Bereichen zusammenrücken und spüren lassen, dass wir gemeinsam viel erreichen wollen. Und können.“

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